• Sofie Woldrich

Stil

Warum Stil mehr als Mode ist


Foto: Daniel Oswald




 

Als ich meine Fotografie begann, stellte sich mir nie die Frage, ob ich ein Logo brauche. Ich machte mir einfach eins. Ich habe mich auch nie gefragt, ob ich meine Haare nur ein bisschen rot färbe. Oder ob ich wirklich das Porzellan-Geschirr meiner Oma brauche, um Tee zu trinken oder nicht doch ein Plastikbecher reicht. Ich hätte in meinem Zimmer nie einfach einen Schrank reingestellt, weil er noch übrig war. Regelmäßig wurde ich auf der Straße angesprochen, weil Fremde mir Komplimente zu meinen Outfits machten.


Stil zu haben, bedeutet, etwas bewusst zu tun


Vor einem Jahr beschrieb ich Stil zu haben damit, etwas nicht irgendwie, sondern bewusst zu machen. Wenn ich wusste, was ich will, habe ich es fast immer genau so gemacht, wie ich es mir vorgestellt habe. Ich war nie „irgendwie“. Manchmal bin ich damit auf Unverständnis getroffen, aber das störte mich nicht, denn ich wusste ja, was ich tat. Doch genauso oft wusste ich nicht, was ich tat oder was ich will. Ich habe mich bei mehr als einer Freundin unregelmäßig gemeldet, weil ich überfordert war von der Frage, mit wem von allen Menschen, die mir wichtig waren, ich wirklich Kontakt halten möchte. Ich musste erst zwei Semester lang gerade mal vier Kurse besuchen, bevor ich merkte, dass ich mein Studium

abbrechen will.


Ich musste meine eigene Meinung finden


Ich habe oft auf die Meinungen anderer gehört, wenn es um große Entscheidungen ging. Es hat seine Zeit gebraucht, bis ich erkannt habe, dass ich meinen eigenen Weg gehen darf. Bis ich erkannt habe, dass ich nicht irgendwer, sondern jemand bin.

Und noch heute lerne ich, dazu zu stehen, nicht irgendwie, sondern ganz. Wenn ich mir meinen Kleiderschrank heute angucke, bin ich genervt von der großen Auswahl und erinnere mich, wie ich zwar die Sachen, die ich hatte, gut kombinierte, aber davon viel zu viele auf einmal trug. Heute reichen mir eine Jeans, eine weiße Bluse, braune Pumps und roter Lippenstift, um der Welt zu sagen: Ich weiß, was ich will. Ich weiß, wer ich bin. Und ich scheue nicht davor zurück, es zu zeigen.