• Sofie Woldrich

Von Traumfrauen, die nicht träumen dürfen

Aktualisiert: 8. Jan.

Über den Filmcharaktertyp Manic Pixie Dream Girl und warum er problematisch ist


Model: Emily Ortlepp; Foto: Sofie Woldrich



 

Hast du jemals von dem Filmcharaktertyp „Manic Pixie Dream Girl“ gehört? Dabei handelt es sich um Frauen, die offen auf Männer zugehen, gute Laune versprühen, kleine Macken haben, wie dass sie tollpatschig sind, inspirieren, verträumt sind und Männer herausfordern, sich auf neue Dinge einzulassen. Eine schöne Vorstellung, oder? Natalie Portman als Sam in Garden State oder Kirsten Dunst als Claire in Elizabeth Town sind klassische Beispiele. Das Problem ist dabei allerdings, dass diesen Charakteren kein Raum für Entwicklungsmöglichkeiten gegeben wird. Ihre Rolle ist einzig und allein dazu da, dem Mann zu helfen. Es geht nicht um die Frau dahinter oder ihre Bedürfnisse. Ich habe mir lange diese Rolle zugeschrieben. Und ich war verdammt gut darin.

Ich bin mit ausgebreiteten Armen durch Londoner Straßen getanzt und habe den Mann, der mit mir unterwegs war, dazu aufgefordert, es auch zu tun. Ich habe ihn gehalten, als er kurze Zeit später anfing zu weinen, weil er sich an alte Geschichten erinnerte und den Schmerz zuließ. Als ich mich danach einsam fühlte, sagte ich nichts, sondern tanzte weiter. Ich bin mitten in der Nacht auf meinem Fahrrad zu einem anderen Mann gefahren und habe Platte um Platte mit ihm angehört. Als er mich viel zu früh küsste sagte ich nichts, weil er so glücklich war. Mit einem anderen bin ich auf eine Plattform von der aus wir die ganze Stadt sehen konnten und habe nach seinen Träumen gefragt. Als ich sein Verhalten danach nicht verstand und mir Klarheit wünschte, sagte ich nichts, weil ich den Moment nicht zerstören wollte. Ich tat alles dafür, dass Dates mit mir nicht so leicht zu vergessen sind.


Ich tat alles dafür, dass man sich an mich erinnerte


Doch je mehr mich die Menschen kennenlernten, umso mehr erlebten sie mein echtes Ich. Und das ist kein Manic Pixie Dream Girl, sondern eine Person mit Bedürfnissen und schlechter Laune und Trauer und Wut und Fehlern. Sobald sie angefangen hatten, das zu verstehen, wurde ich als „zu viel“ abgestempelt. Es gab keinen Raum für Entwicklung. Denn die Art, wie sich die Menschen plötzlich lebendig fühlten, faszinierte sie. Dass ich sie nicht nur glücklich machte, sondern allem voran dazu brachte, zu fühlen, verstanden sie nicht.


Wir können nicht selektiv fühlen


Wir können nicht selektiv fühlen. Wir können kein intensives Glück fühlen, wenn wir keinen intensiven Schmerz zulassen. Wir können nur alles intensiv fühlen oder nichts. Die meisten entschieden sich fürs oberflächliche Fühlen. Meine Aufgabe war erfüllt, da ich mit ihnen eine intensive Zeit erlebt hatte und in Erinnerung bleiben würde. So wie Mary Poppins. Ich bin sehr dankbar, dass es Filme wie 500 Days of Summer gibt, die genau dieses Problem darstellen. Denn auch wenn sie ihm das Herz bricht, ist nicht ihre rücksichtslose und ignorante Art das Problem, sondern der Umstand, dass er ihr nicht zuhört und seine Wunschvorstellungen auf sie projiziert. Ich inspiriere gerne, mag es Menschen zu unterstützen und herauszufordern und zu träumen. Aber ich habe auch Momente, in denen ich traurig bin oder wütend oder ängstlich oder verzweifelt oder langweilig. Ich habe eigene Bedürfnisse und Interessen. Ich entwickle mich weiter und lerne und eine der Dinge, die ich gelernt habe ist, dass ich niemandem in Erinnerung bleiben muss, der nicht bereit ist, mich ganz zu sehen, als eigenständige Person.


Quelle: The Manic Pixie Dream Girl Trope, Explained. The Take, 2021. https://www.youtube.com/watch?v=b_gxo8l9j8s