• Sofie Woldrich

Träum nochmal nach

Warum wir unsere Träume nicht (nur) von Leidenschaft abhängig machen sollten


Foto: Daniel Oswald



 

Ein Drumsolo in einem Lied von The Naked und Famous erklingt und im nächsten Moment erinnere ich mich an das Gefühl von gedämpftem Applaus, frischer Nachtluft, Herzklopfen, britischem Akzent, Zigarettenqualm, verschüttetem Bier. Das Gefühl, mich auf diesem kleinen Grad zwischen einem Schritt weiter und mittendrin, zu befinden. Das Gefühl eines Traums.

Mit 19, als Indie-Musik besonders wichtig für mich war, ich mein ganzes Geld für Festivals und Bandshirts ausgab und jede Woche drei neue, unbekannte Bands entdeckte, hatte ich diesen einen Traum. Der Traum, als Musikbloggerin mit Bands Backstage zu reden, in Studios Musiker bei ihrer Arbeit zu beobachten und immer zu wissen, wo die interessantesten Konzerte gespielt werden.

Vor zwei Wochen habe ich meine alten Drehbücher von einer Serie, die ich im selben Alter angefangen habe, zu drehen, gefunden. Ich habe den Trailer angeguckt, der damals daraus entstand. Den ungeduldigen Wunsch gespürt, die Serie anzugucken. Mehr als den Trailer haben wir nie geschafft, zu drehen. Ein weiterer Traum.

Ein anderes Mal habe ich einen Entwurf meines Romans „Cigarette Smile“ gelesen. Einige Stellen begeisterten mich und andere regten mich zum Nachdenken an. Andere Stellen führten dazu, dass ich seufzend die Augen verdrehte. Diese Stellen müsste ich noch überarbeiten. Ein weiterer Traum.


Dieser oder nur ein weiterer Traum


Ich treffe gerade viele Entscheidungen, die festlegen, wie mein Leben aussehen wird. Welche Arbeit will ich machen? Mit wem will ich zusammen sein? Will ich Kinder? Wo will ich wohnen? Wie will ich gesehen werden?

Mit jeder Entscheidung entscheide ich mich gegen die Alternativen. Früher habe ich, wie die Liste der angefangen Projekte oben zeigt, oft einfach angefangen. Dadurch sind viele Projekte nie größer geworden, als der Anfang. Versuche ich, alle Ideen umzusetzen, setze ich am Ende gar keine um. Mittlerweile nehme ich mir mehr Zeit für die Entscheidung, welche Ideen mir wirklich wichtig sind. Oft habe ich am Beginn eines Traums die Sorge, dass ich die Sache nicht durchziehe, so wie früher. Manchmal nehme ich mir dann mehr Zeit, eine Entscheidung zu treffen, als ich die Antwort eigentlich kenne. Manchmal hindert mich diese Angst daran, anzufangen. Irgendwann ist der Moment gekommen, da muss ich es tun. Trotz aller Ängste. Trotz aller Zweifel. Trotz aller möglichen Alternativen. Trotz des Gefühls, nicht bereit zu sein.

Wir werden uns nie bereit fühlen für irgendetwas.

Wichtiger ist, zu wissen, dass es für den Moment, in dem wir die Entscheidung treffen, die richtige Entscheidung ist.

Manchmal merken wir im Nachhinein, dass wir uns lieber für etwas anderes hätten entscheiden sollen. Wir dürfen uns umentscheiden. Manchmal merken wir, dass wir zusätzlich noch etwas anderes machen möchten. Manchmal merken wir, dass da noch ein Traum gewesen wäre, den wir einfach nicht umsetzen werden. Manche Träume werden Träume bleiben. Manchmal wird uns erst, während wir einen Traum leben, bewusst, dass das eins zu eins der Traum ist, den wir damals leben wollten, aber nicht mehr das ist, was wir heute leben wollen. Wir haben uns verändert.


Manchmal ändern wir nicht unsere Träume, sondern uns


Ich habe in der Zeit, in der ich den Traum als Musikbloggerin gelebt habe, viele fantastische Menschen getroffen, viel über das Schreiben und noch mehr über mich gelernt. Und es ist nicht der Traum, den die Person, die ich heute bin, leben will.

Träume wirken, wenn wir sie träumen, immer aufregend und großartig. Doch wenn wir sie leben, sind sie letzten Endes immer Alltag. Hätte ich mir mit 19 gesagt, dass mich mit 25 Jahren Bands anschreiben und ich mit Karlsruher Kulturvereinen zusammenarbeite, hätte ich das kaum glauben können. Natürlich gab es viele Momente, in denen ich stolz, berührt und begeistert gewesen bin. Die meiste Zeit bin ich aber wie sonst meinem Alltag nachgegangen.

Vor einem Jahr veröffentlichte ich meinen ersten Post auf dem Blog. Ich hatte zuvor Angst, was Menschen um mich herum sagen, wenn ich plötzlich einen Musikblog anfange, nachdem ich zwei Jahre zuvor viel Zeit und Energie in meine Fotografie gesteckt habe. Bevor ich mein erstes Interview veröffentlichte, teilte ich in einer Story mit, dass hier nun ein Musikblog entsteht. Zum Abschluss schreib ich: „Leidenschaft ist, wenn alles andere egal ist.“ Ich finde diese Definition noch immer sehr treffend. Sie erklärt auch, warum ich jetzt, wo ich ein Jahr diese Leidenschaft gelebt habe, merke, dass ich etwas anderes will. Denn Leidenschaft ist wichtig, aber es gibt keine andauernde Leidenschaft. Es geht um viel mehr. Und während Alltag so ein langweiliges Wort ist, ist es so bedeutsam: Es ist das, was ich jeden Tag mache. Ich will mich bei der Wahl meiner Träume nicht länger nur an Leidenschaft orientieren, sondern in erster Linie am Alltag. Das, was ich jeden Tag machen will, ist schreiben. Texte wie diesen.


Alltag ist wichtig


Ich weiß, dass ich damit einige Leute irritieren, andere verärgern und manche enttäuschen werde. Ein paar werden vielleicht, nachdem sie das hier gelesen haben, auf den „Unfollow“-Button klicken. Das ist ok. Denn was mir Leidenschaft gelehrt hat, ist: Ich sollte mein Leben nicht davon abhängig machen, was andere Leute denken. Ich treffe meine Entscheidungen.

Was ich weiterhin machen werde, ist, neue Songs von Künstlern und Künstlerinnen aus der Region, interessante Beiträge aus der Musikszene und Konzerte in meiner Story teilen. Ich werde außerdem bald als freie Journalistin anfangen und hierfür Instagram als Netzwerk nutzen. Aber ich werde nicht mehr über Musik auf meinem Blog schreiben. Stattdessen werde ich ab Heute Essays, Gedichte, Bilder von Szenen, die mich inspirieren, und von mir teilen. Ich werde meine Geschichte erzählen. Ich freue mich über jeden, der diesen Weg mitgeht, und verspreche, die Unterstützung zurück zu geben. Danke für alles bisherige.