• Sofie Woldrich

Selbstdating

Was mir die Zeit mit mir selbst lehrt


Foto: Sofie Woldrich




 

Die von der untergehenden Sonne gefluteten Straßen sind mit Freundesgruppen, die Cocktails trinken, Paaren, die essen gehen und Familien, auf der Suche nach einem Ort, um den Abend ausklingen zu lassen, gefüllt. Ab und zu huschen Kellner durch die einzelnen Gruppen, ich höre Gläser anstoßen, Lachen, Stimmengewirr. Wir Menschen sind soziale Wesen, zweifellos. Gerade in Zeiten wie Corona wird dies deutlicher denn je. Doch was auch deutlich wird, ist, wie wichtig es ist, zu wissen, wie man Zeit alleine verbringt. Warum fällt uns das oft so schwer?

41 Tage und 41 Nächte. Das ist die Zeit, in der ich nun Single bin. Gedatet habe ich ebenfalls nicht, nicht mal geflirtet. Erotikfasten also so zu sagen.

Lange genug, um jetzt den starken Drang zu spüren, mir per App etwas zwischenmenschliche Nähe zu holen. Nicht, um nach einer Beziehung zu suchen, auch kein Sex, nur etwas Aufmerksamkeit, eine kleine Dosis Pseudo-Liebe.

Und schon wird mir bewusst: Ich brauche keine Pseudo-Liebe. Ich wollte mich selbst lieben. Manchmal gelingt mir das auch.


Manchmal gelingt mir das auch


Ich genieße, alleine durch belebte Straßen zu ziehen, die Atmosphäre aufzusaugen ohne mich unterhalten zu müssen. Mich von dem, was um mich passiert, inspirieren zu lassen. Ich fotografierte an diesem Abend und schrieb später einige Ideen auf. Solche Momente berühren mich immer. Und damit verbunden bin ich sehr emotional. Das wurde in dem Moment zum Problem, als einer der Kellner mich an meinen Ex-Freund erinnerte. Eine der wenigen Male weinte ich über das Ende unserer Beziehung. Ich vermisse ihn, ja, aber nachdem mit mir in meinem Leben zehn Mal auf die ein oder andere Weise Schluss gemacht wurde, habe ich ein bisschen eine Scheißegal-Haltung entwickelt. So habe ich, als es diesmal wieder so weit war, nicht eine Woche heulend im Bett verbracht, sondern mit meiner Mitbewohnerin darauf angestoßen und später am Abend seine Zahnbürste aus dem Fenster geworfen mit den Worten „Fick dich Leben, ich mach’s trotzdem!“ Das war sicher nicht meine glanzvollste Leistung und ich bitte alle Beteiligten mein Benehmen zu entschuldigen (also meine Mitbewohnerin, meinen Ex-Freund und meine Nachbarn). Auf der anderen Seite war es in dem Moment gut und wichtig, diese Wut zu zeigen. Und außerdem, hätte meine Mitbewohnerin mich nicht davon abhalten sollen?

Ich habe lange Zeit Beziehungen geführt, die auf Abhängigkeit beruhten. Ich war dafür verantwortlich, ob er glücklich war, wenn er es nicht war, war ich Schuld. Ebenso andersrum. Ich bin mir sicher, einige finden sich hier wieder. Ganz besonders in der Popkultur wird dies ja auch immer zelebriert.


Die Idee von Liebe


Man denke nur an all die Liebesfilme, die so aufgebaut sind: Person ist mit ihrem alltäglichen Leben unglücklich, trifft potenziellen Partner, nach einigem Hin und Her gestehen sie sich ihre Liebe und alles ist gut. Sobald jemand anderes uns liebt, sind wir demnach glücklich. Angefangen bei Breakfast at Tiffanys, über Pretty Woman bis Garden State. Ebenso in der Musik, Wonderwall von Oasis zum Beispiel. Oder in der Literatur (Nick Hornby, Jane Austen, Sophie Kinsella…). Oder von der Dichterin Sofie Woldrich aka meinem Tagebuch: Am Ende suchen wir alle nur jemanden, der uns vor uns selbst rettet.

Wird diese Hoffnung nicht erfüllt, machen wir unmittelbar Schluss. Oder wir verharren Jahre in einer unglücklichen Beziehung, weil wir noch viel mehr davor zurück schrecken, alleine zu sein. Zu letzterem zähle ich. Ich befand mich drei Jahre in einer Beziehung, bei der ich zwei Jahre davon damit verbrachte, zu hoffen, dass es irgendwann besser wird. Das Ende der Geschichte war, dass ich gelernt habe, mich um mich selbst zu kümmern. Ich weiß nicht, ob ich an den Punkt gekommen wäre, hätte er mich glücklich gemacht.

Aus genau diesem Grund, gönne ich mir heute Abend einen Wein und eine Pizza. Viele in meinem Umkreis meinen, es fiele ihnen schwer, alleine essen zu gehen. Sie fragen sich, was die Leute von ihnen denken. Warum sind wir so auf ein Urteil von außen fixiert? Weil wir in einer Welt, in der es kein schwarz-weiß gibt, versuchen, nichts falsch zu machen? Alles ist grau und wir sind dazu verdammt, herauszufinden, was richtig ist. Machen wir es falsch, fühlen wir uns genauso: Falsch. Du darfst sein, wer du willst, was, wenn du nicht kannst? Schon hier fängt die Verantwortung an. Es ist unsere Verantwortung herauszufinden, wer wir sein wollen, und vor allem, wer wir sind. Und was wir brauchen.


Du darfst sein wer du willst, was wenn du nicht kannst?


Als der Geruch des Nachbartischs zu mir zieht, werfe ich einen Blick auf das Paar, das gerade einen Salat isst. Die Erinnerung, wie er mir versprochen hat, nach der Quarantäne, mit mir essen zu gehen, mischt sich in meine Gedanken. Der Mann neben mir erzählt enthusiastisch irgendetwas auf italienisch und ich beneide die beiden. Verdammt, ich wollte doch alleine glücklich sein. Tinder?

Nein, letztes Mal ist daraus aus Versehen eben jene Beziehung entstanden. Warum fällt es mir so schwer, den Richtigen zu finden? Oder sollte ich fragen, warum fällt es mir so leicht, den Falschen zu finden?


Was suche ich in einer Beziehung?


Ich will einen Mann, der mich zu Lachen bringt, mir zuhört, mir sagt, dass er mich liebt, sich bei mir entschuldigt, wenn er mich verletzt, mir treu ist, mich küsst, zu mir steht, interessant ist und bei mir bleibt. Wer schon mal eine Beziehung hatte, weiß, dass das alles durchaus wichtig und schwer zu finden ist. Aber eben längst nicht alles ist, was wichtig ist.

Weiß ich also vielleicht gar nicht, was ich suche und gerate deswegen immer an die Falschen? Wie finde ich heraus, ob jemand der Richtige ist, möglichst nicht erst nach ein paar Jahren?

Wie finden wir heraus, mit wem wir unser Leben verbringen wollen?


Liebe finden


Vielleicht liegt genau da das Problem. Der Grund, warum es uns so schwer fällt, uns selbst zu lieben. Während wir bei jeder anderen Person aussuchen können, ob wir unser Leben mit ihr verbringen, gibt es genau eine Person, mit der wir es müssen: Uns. Und keine andere Person kennen wir so gut. Die Fehler keiner anderen Person sind uns so bekannt, wie unsere eigenen. Wie auch bei Partnern sind wir oft am verzweifeln, wenn uns immer wieder die gleichen Probleme begegnen. Obwohl wir genau wissen, dass wir uns ändern müssen. Mit dem Unterschied, dass wir niemanden dafür verantwortlich machen können, außer: Uns. Und schon reden wir uns ein, wir seien nicht genug. Und das sind wir auch nicht, so lange wir so mit uns reden. Wie sollen wir jemanden lieben, der uns immer wieder klein, unglücklich macht?

Also mache ich weiter. Swipe mal links, mal rechts, liege mal oben, mal unten, führe mal on, mal off. Gucke auf andere, die einen Partner haben. Der Mann am Nebentisch redet noch immer. Der Salatteller wird abgeräumt. „War er gut?“, fragt der Kellner. Die Frau nickt. So wie man auf solche Fragen eben antwortet. Keine Ahnung, ob er gut war. „Bin ich gut?“ …so wie man auf solche Fragen eben antwortet. Ich nehme einen Schluck von meinem Wein. Beiße ein Stück meiner Pizza. Beobachte Leute und hänge weiter meinen Gedanken nach. Das ist die Entscheidung, die ich treffen kann. Vielleicht bin ich ab und zu sensibel, extrem chaotisch und mein linkes Auge ist ein weniger größer, als das rechte. Mir zu sagen, dass das zu mir gehört und ich perfekt bin, so wie ich bin, fällt mir schwer. Oder zumindest es dann auch zu glauben. Und es ist wichtig, seine Fehler ernst zu nehmen und daran zu arbeiten. Aber das heißt nicht, dass ich nicht gut mit mir umgehen darf. Dazu, Verantwortung für mich zu tragen, gehört, mich glücklich zu machen. Mich ernst zu nehmen. Es gehört nicht nur, zu Selbstliebe, sich als gut zu betrachten, sondern auch, sich so zu behandeln. Und andersrum, bin ich gut zu mir, finde ich mich früher oder später auch gut. Versprochen. Ich sage es nochmal: Es ist eine Entscheidung, wie ich mich behandle. Dazu gehört, mir zuzugestehen, wenn eine Freundin die ganze Zeit von sich redet, einzufordern, auch gehört zu werden. Mich aus einer Beziehung zu lösen, wenn der andere mich nicht gut behandelt. Den Mann neben mir zu freundlich zu fragen, etwas leiser zu reden, weil es jetzt doch ganz schön nervt. Erst jetzt fällt mir auf, dass er sein Handy am Ohr hat und die Frau schweigend daneben sitzt.