• Sofie Woldrich

Jeden Morgen das Gleiche

Aktualisiert: 19. März

Warum es wichtig ist, wann unser Wecker klingelt


Foto: Sofie Woldrich



 

Ein Gemüsehändler am Straßenrand schiebt einen Wagen mit frischem Salat und Tomaten vor seinen Laden. Ein Bäcker schließt seine Tür auf. Die Straßenlaternen gehen aus. Es liegt ein leichter Dunst in der Luft, in der Ferne mischen sich Nuancen von Rot, Gold und Orange in den grau-blauen Himmel. In der linken Hand halte ich meinen dampfenden Kaffee, in der rechten überprüfe ich auf meinem Handy, auf welchem Gleis mein Zug fährt. Ein mittlerweile für mich ungewohntes Szenario. Normalerweise stehe ich nicht vor neun Uhr auf. An diesem Tag war ich auf dem Weg zu einem Seminar in Stuttgart, dem ich aufgeregt entgegen blickte. Trotz des um drei Stunden verfrühten Aufstehens fühlte ich mich erstaunlich wach, nicht nur wegen dem Kaffee. So gerne ich die Stadt beim Aufwachen beobachte, so unwohl fühle ich mich, wenn irgendjemand um diese Uhrzeit etwas von mir erwartet.


"Geh halt früher ins Bett."


Ich erinnere mich daran, wie ich mich vierzehn Jahre lang (ich habe eine Klasse wiederholt und war auf einem beruflichen Gymnasium) morgens um halb sieben aus dem Bett quälte. Jedes Mal bekam ich zu hören, dass ich, wenn ich erwachsen bin, auch früh aufstehen müsse und mir angewöhnen solle, früher ins Bett zu gehen. Seit ich mich nun also im Berufsleben ausprobiere und studiere, habe ich das Glück gehabt, bei weit weniger als der Hälfte meiner Termine vor neun Uhr aufstehen zu müssen. Doch haben dieses Glück nicht alle Menschen, deren Bio-Rhythmus vorsieht, um sieben Uhr morgens noch zu schlafen.

Hal Erod schreibt in „Miracle Morning“, dass es wichtig sei, sich auf etwas zu freuen, um früh aufstehen zu können. Starte ich den Tag mit der Einstellung, dass es besser ist, weiterzuschlafen, fällt es mir schwer, aufzustehen, egal um wie viel Uhr. Aus diesem Grund rät er von der Snooze-Taste ab, da sie unserem Unterbewussten vermittelt, dass wir keine Lust auf den Tag haben.

Macht Sinn. Insbesondere wenn man dabei bedenkt, dass Depressionen um 23 Prozent häufiger bei Nachteulen und Langschläfern auftreten. Zu Zeiten, als ich depressiv war, war der schlimmste Teil des Tages, aufzustehen, weil ich davon ausging, dass der Tag anstrengend werden würde.

Steht nun jemand, der sich eben nicht auf den Tag freut, später auf als andere, wird er mit hoher Wahrscheinlichkeit den Eindruck bekommen, andere schafften viel mehr als er. Dies stimmt zum Zeitpunkt des Aufstehens ja auch. Wenn dies der erste Eindruck ist, den er jeden Tag bekommt, entsteht daraus schnell eine Überzeugung. Und diese wird sich möglicherweise nicht nur auf den Morgen, sondern den gesamten Tag, die gesamte Woche, das gesamte Jahr übertragen. Er wird glauben, andere schafften grundsätzlich mehr, als er. Er genüge nicht.


Nie genug


Der Journalist Peter Carstens wiederum betont, dass es abends deutlich wahrscheinlicher ist, zu trinken oder sich mit Fast Food wie Chips oder Pizza zu ernähren. Möglicherweise liegt auch darin ein Grund, warum Nachteulen im Durchschnitt ungesünder leben. Wenn ich mir mein Umfeld ansehe, das überwiegend aus Künstlern und Nachteulen besteht, trinken oder rauchen einige davon. Das Klischee des bis spät in die Nacht arbeitenden, trinkenden Künstlers trifft also oft zu. Wobei ich auf der anderen Seite auch viele Menschen kenne, die hohen Wert auf gesunde Ernährung legen und sich bemühen, einen ausgeglichenen Schlaf-Rhythmus zu haben, die sich dennoch fast immer müde fühlen. Vielleicht geht es also weniger darum, wie wir uns ernähren, sondern darum, wie wir fühlen und denken. Anders gesagt: Ja, einige Nachteulen ernähren sich ungesünder als Frühaufsteher. Vor allem aber sind viele Nachteulen kreative und sensible Menschen. Nachts können wir leichter für uns sein und uns damit eher auf unsere Ideen und Gedanken einlassen. Die Welt schläft und wir fragen uns weniger, was jemand anderes von unseren Ideen hält. Wir sind für uns. Vielleicht fühlen wir auch intensiver und die Welt erscheint uns tagsüber zu laut. Sobald sie ruhiger wird, fangen wir an, uns wohl zu fühlen, trauen wir uns, wir selbst zu sein. In dieser Zeit sind wir Langschläfer am produktivsten. Langschläfer und Produktivität ist dabei so ein weiteres Vorurteil. Was ist das überhaupt für ein Wort? Wir sind ja nicht mehr mit Schlafen beschäftigt als Frühaufsteher. Und dennoch wird uns oft zugeschrieben, fauler zu sein.


Mehr als Kaffee


Erfolgreiche Menschen schwören darauf, um fünf aufzustehen, den Tag mit ihrer Morgenroutine zu beginnen und um zehn bereits die wichtigsten Aufgaben des Tages erledigt haben. Wir Langschläfer stehen hingegen morgens oft vor der Wahl: Eine halbe Stunde länger schlafen oder entspannt aufstehen. Je nach Uhrzeit entscheide ich mich definitiv für die halbe Stunde Schlaf. Dabei ist es so wichtig, morgens Zeit und eine Routine, die über Zähne putzen und Kaffee trinken hinaus geht, zu haben.

Routinen sind wichtig, da es uns große Energie kostet, jedes Mal aufs Neue zu entscheiden, wie wir eine Sache angehen wollen oder ob wir sie überhaupt angehen wollen, nicht nur auf den Morgen bezogen. Mir ist wichtig, meine Zeit selbst einteilen und das tun zu können, was ich möchte. Aber gehe ich dabei zufällig vor, neige ich dazu, zu prokrastinieren, da ich keinen Überblick über die Arbeit habe und schon allein der Anfang schwer fällt. Ich werde unproduktiv. Auch als frei denkender Mensch ist eine Routine sinnvoll. Ich war stolz, als ich es in der ersten Hälfte 2020 tatsächlich schaffte, ein halbes Jahr am Stück jeden Morgen Yoga zu machen. Dann wurde es wieder kälter, der Alltag fiel mir schwerer als im Sommer und allein der Gedanke daran, jetzt erstmal Yoga machen zu sollen, führte dazu, dass ich mir die Decke über den Kopf zog, meinen Wecker ausstellte und jedes Mal aufs Neue entscheiden musste, wie ich meinen Morgen beginne. So sinnvoll Routinen sind, so wichtig ist es, wie ich merke, dass sie zu mir passen. Abends fallen mir Routinen viel leichter. Ich schreibe ein wenig und mache Yoga. Mit Sport aufzustehen kostet mich - egal wie lange ich versuche, diese Routine zu etablieren, egal, wie viele erfolgreiche Menschen darauf schwören - viel Energie. Ich versuche nun, jeden Morgen ein wenig zu lesen und entspannt den Tag zu beginnen.

Warum es wichtig ist


In meinem Instagram-Post über meine Vision, wofür ich studiere, schrieb ich, dass ich nicht im Dunkeln aufstehen müssen will, sondern dann aufstehen können will, wann ich möchte. Im Nachhinein überlegte ich, ob das nicht ein unwichtiges Detail sei, das in meiner Vision nichts zu suchen hat. Meine Antwort lautet: Nein. Wann ich aufstehe ist so ein großer Teil dessen, wie ich mich gesundheitlich fühle. Und mein Gesundheit hängt so eng mit meinem Wohlbefinden zusammen. Es ist ein wichtiger Teil dieser Vision. Ich glaube, wann wir aufstehen und wie sehr dies unserer Natur entspricht, wird oft unterschätzt. Von der Gesellschaft, aber auch von uns selbst.

Als ich vor zwei Monaten in einer Zeitschrift las, dass laut einer Studie unter 2283 Personen, fünf Prozent mehr Teilnehmer Langschläfer als Frühaufsteher sind, machte mich dies im Nachhinein wütend. Selbst wenn es nur gleich viele wären, würde ich mich fragen, wie es sein kann, dass die Welt sich so stark an Frühaufstehern orientiert. Die Schule beginnt in fast allen europäischen Ländern zwischen sieben und halb neun. Sprichwörter wie „Morgenstund hat Gold im Mund“ oder „Der frühe Vogel fängt den Wurm“ lassen die Überzeugung entstehen, Frühaufsteher seien produktiver und erfolgreicher. Es wäre mir zu meiner Schulzeit vieles leichter gefallen, wäre ich nicht dauernd müde gewesen. Auch wenn ich inzwischen nur noch selten vor neun aufstehen muss, werde ich Müdigkeit am Morgen in Zukunft anders betrachten. Es ist schließlich, nie zu spät, anzufangen.



 

Albat, Daniela (2018): Nachteulen sterben früher. Gesundheit und Medizin. (https://www.wissenschaft.de/gesundheit-medizin/nachteulen-sterben-frueher/)

Carstens, Peter (2018): Nachteule oder Frühaufsteher - Wer lebt gesünder? Frühaufsteher gelten als spießig. Haben sie wenigstens die Medizin auf ihrer Seite? (https://www.geo.de/wissen/gesundheit/19006-rtkl-endlich-verstehen-nachteule-oder-fruehaufsteher-wer-lebt-gesuender)

Circadian typology is related to emotion regulation, metacognitive beliefs and assertiveness in healthy adults, PLOS ONE, 2020.

Erod, Hal: Miracle Morning.

Wiest, Brianna: 101 Essays that will change the way you think. 2017, thought catalog books, United States.

Business Insider Deutschland (2021): Wer nur eine Stunde früher aufsteht, senkt sein Depressionsrisiko um 23 Prozent. (https://www.orthomol.com/de-de/lebenswelten/schlaf/fruehaufsteher-sind-seltener-depressiv)