• Sofie Woldrich

Zu wahr, um nur schön zu sein

Über die Vorstellung, perfekte Momente sähen wie in Filmen aus






 

Mit angestrengt vorgestreckter Brust und zurückgezogenen Schultern laufe ich über den verkommenen Holzboden, vorbei an Holzbänken, Holzsimsen und Holztischen. Der Holzgeruch vermischt sich mit dem von hochprozentigem Alkohol und Bier. Hier und da sehe ich zwischen den Getränkekarten, die überall ausliegen, einen vergessenen Fleck, der das Holz ein bisschen dunkler erscheinen lässt. Die Wände sind in einem Karminrot gestrichen, welches die Wärme verstärkt, die die Einrichtung trotz ihrer Ungepflegtheit ausstrahlt. Mein Blick fällt auf die lange, schmale Bar, hinter der ein junger Typ mit Lockenkopf ein paar Gläser abtrocknet. „Bist du Sofie?“, fragt er mich und ich bestätige. „Christina kommt gleich“, teilt er mit. „Christina“ entpuppt sich als Mittdreißigjährige mit massiger Figur, die ihre naturroten Haare zu einem Pferdeschwanz trägt. Nach einem kurzen Vorstellungsgespräch wirft sie mir eine Bluse zu und ich beginne meine Probeschicht. Bevor sie wieder in ihr Büro verschwindet, ruft sie: „Willkommen im Shoreditch. Willst du in London feiern gehen, kommst du hierher.“


The Place To Be


Vor etwa drei Jahren bin ich für eine Weile nach London gezogen, in der Hoffnung, dort das Leben führen zu können, das ich führen wollte. Ich wollte in Eckcafés in schönen Vintagekleidern Poesie schreiben und Earl Grey trinken, in noblen Restaurants zum 5-Gänge-Menü eingeladen werden, betrunken auf Feuerleitern klettern und die Lichter der Stadt sehen, mit Bands Backstage anstoßen und hinter der Bar Lebensgeschichten erzählt bekommen. Ein richtiges Leben, wie in Filmen also, wenn man so will. Wie mein Leben dort tatsächlich aussah?

Ich habe in schönen Vintagekleidern in Eckcafés Poesie geschrieben und Earl Grey getrunken, bin in noblen Restaurants zum 3-Gänge-Menü eingeladen geworden, betrunken auf Feuerleitern geklettert und habe die Lichter der Stadt gesehen, habe mit Bands Background angestoßen und hinter der Bar Lebensgeschichten erzählt bekommen.

Was ich dabei nicht bedacht hatte, war die Zeit zwischen diesen ganzen Filmmomenten.

Ich erinnere mich daran, wie ich rotzend und heulend auf dem Boden meines 8-Quadratmeter-Zimmers lag und mich zum ersten Mal im Leben übergab, weil es mir so scheiße ging (ich wusste vorher nicht, dass das tatsächlich möglich ist). Oder wie ich auf Pub- Konzerten das „Loo“ aufsuchen musste, weil ich merkte, dass die Tränen mal wieder über mein Gesicht flossen. Und wie ich durch leere, nächtliche Straßen rannte, wunderbare Melancholie auf den Ohren, mich unendlich allein fühlte. Auch diese Momente hatten aber irgendwie noch eine Art Ästhetik oder kommen so in Filmen vor.


Momente wie in Filmen


Die wirklich schlimmen Momente waren, ich zitiere aus einem Tagebucheintrag 2019: „nicht die Depressionen, Baby, sondern alles zwischendrin.“ Alles, was nicht der Rolle entsprach, die ich spielen wollte.

Der Grund, warum wir so verrückt nach den Geschichten anderer sind, ist letztendlich immer, dass uns unsere eigenen zu langweilig erscheinen. Wir gucken Filme, um die Orte in uns, die leer erscheinen, zu füllen, um Gefühle, die wir vermissen, wiederzufinden. Es ist wahr, dass die meisten von uns nach Glück, Freude und Zufriedenheit streben, aber es ist eben auch eine Wahrheit, dass wir danach streben, zu fühlen. Wir fühlen uns lebendig, wenn wir starke Gefühle erleben. Klettere ich auf eine Feuerleiter und möchte am liebsten die ganze Welt umarmen, ist das mit der Gewissheit verbunden, dass ich auch runter fliegen könnte. Hier trifft Freiheit und Glück auf Leichtsinn und Sorge und kreiert eine höchstaufregende Variante von „sich lebendig fühlen“. Ebenso wie wenn ich frisch verliebt bin, einen neuen Job anfange, neue Freunde finde, aber auch wenn ich verloren durch leere Straßen laufen oder inmitten einer Menschenmenge all der Schmerz plötzlich über mich hereinbricht. Selbstmitleid lassen wir deswegen immer wieder zu, weil es eine willkommene Gelegenheit ist, der Monotonie des Alltags einen Moment zu entfliehen. Wir brauchen es, auch Trauer und Schmerz fühlen zu können, wie es auch in John Green’s Roman „Das Schicksal ist ein mieser Verräter heißt“: „Schmerz verlangt danach, gespürt zu werden.“

Sich lebendig fühlen


Ich behaupte mal, wir alle neigen dazu, unser Leben auf irgendeine Weise zusammenzufassen, die wichtigen Momente und Erkenntnisse festzuhalten. Der Versuch, dabei eine Art Ästhetik einzubauen, dürfte den meisten auch vertraut sein. Sei es anhand eines Fotos, eines imaginären Films oder durch Poesie. Um hier ein weiteres Zitat anzubringen, nicht aus meinem Tagebuch, sondern diesmal von einer ernst zunehmenden Dichterin, Warsan Shire: „Document the moments you feel most in love with yourself - what you’re wearing, who you’re around, what you’re doing. Recreate and repeat.“

Denken Sie an all diese Moment. Was fällt Ihnen als erstes ein? Denken Sie an Dinge wie den ersten Kaffee am Morgen, Geschirrspülen, ein Gespräch mit einem Kollegen? Wenn ja, Glückwunsch, Sie haben es geschafft. Den meisten von uns werden aber auch hier eher die Dinge einfallen, die mit Abwechslung vom Alltag verbunden sind. Die Art, wie wir unseren Vorgesetzten überzeugen, dass genau wir die richtige Wahl für ein Projekt sind, wenn wir uns besonders viel Mühe mit unserem Auftreten geben und eine Reihe Komplimente bekommen, wenn wir einen besonders guten Witz erzählen.

Wir definieren uns durch außergewöhnliche Momente. Und das ist erstmal vollkommen okay. Wir brauchen Bestätigung von anderen, besondere Erlebnisse, neue Erfahrungen.


Wir definieren uns durch außergewöhnliche Momente


Aber das Leben ist nun mal keine Aneinanderreihung von 5-Gänge-Restaurant-Dates (auch nicht 3-Gänge), Betrunken-auf-Feuerleitern-Klettern und In-Schönen-Vintagekleidern-Poesie-Schreiben. Manchmal sitzen wir nur in unserem Hoodie vor dem Laptop und gucken Katzenvideos, trinken schweigend Kaffee und kaufen Light-Gouda bei Aldi. Den gibt es übrigens in London auch, also den von Aldi. Kaufen wir den dann auch? Und wenn ja, warum? Weil wir eine Filmstar- Figur haben wollen? Oder weil wir uns zu dick fühlen, aber auch nicht auf Käse verzichten wollen? Was ebenfalls vollkommen okay ist. Letzten Endes wird aber die Filmstar-Figur nicht uns finden - auch in London nicht - wenn wir nicht auf sie zugehen. Oder joggen. Der Traumpartner wird nicht beim Einzug auf unserem Bett sitzen und auf uns warten, die Selbstzweifel hingegen schon. Eine erschreckende Erkenntnis - ich war doch in London immer so frei, so selbstbewusst, beinahe ein anderer Mensch. Sobald der Alltag einkehrt, wird uns klar, dass wir immer noch wir selbst sind, wer immer wir sind.


Wir sind immer noch wir


Und wie schaffen wir es, in diesen Momenten glücklich mit uns zu sein?

Wenn wir von einem Leben wie in Filmen träumen, könnten wir uns dabei fragen, ob wir die damit verbundene Rolle überhaupt spielen möchten.

Vielleicht sollten wir uns bewusst machen, dass es eben auch zu unserer Rolle gehört, Light-Gouda bei Aldi zu kaufen. Die Frage, die wir uns dabei stellen sollten, ist vielleicht weniger, ob wir es machen, sondern wie wir es machen. Es ist unwichtig, ob wir Light-Gouda bei Aldi kaufen, statt im Restaurant essen zu gehen, so lange wir für uns entscheiden, dass Gouda zu essen genau das ist, was wir, von allem, was gerade möglich ist, machen wollen. Es ist auch zweitrangig, was wir arbeiten, so lange wir gerne an die Sache ran gehen. „Ja, aber ich kann meine Motivation schlecht erzwingen und ich möchte mir auch keinen neuen Job suchen“, denken Sie an dieser Stelle vielleicht. Es ist Ihr gutes Recht, das zu sagen, aber überlegen Sie mal, was Sie innerhalb dieses Jobs ändern können, um im Alltag glücklich sein zu können. Nichts? Dann suchen Sie sich einen neuen, das meine ich ernst. Wir folgen keinem festgelegten Drehbuch, können unsere eigenen Entscheidungen treffen. Es ist uns jederzeit frei, zu sagen, dass dies nicht die Rolle ist, die wir spielen wollen. Nur dass dies wohl eine der schwersten Aufgaben überhaupt ist. Denn hier hat kein Selbstmitleid Platz, wir können uns nicht auf unserem Schmerz ausruhen, unsere Unzufriedenheit keinem vorgefertigten Plan zuschreiben. Wahrscheinlich werden andere nicht mal mehr unsere Stärke bewundern, denn einfach so glücklich zu sein verbindet man nun mal eher weniger damit, das Gewicht der Welt zu tragen. Wollen wir unser Leben erfüllen, handelt es sich dabei um eine Entscheidung, die wir jeden Tag aufs Neue treffen. Die Erkenntnis, dass wir so auftreten dürfen, wie wir gesehen werden möchten; unsere Wohnung so gestalten dürfen, dass sie ein zu Hause ist; das Geschirr in unserem Tempo spülen dürfen; uns dahingehend weiterbilden dürfen, dass wir uns mit uns wohl fühlen; geht mit einer anderen, sehr wuchtigen Erkenntnis einher: Wir müssen nur wollen.

Warum es so schwer ist, zu wollen


Und zu wollen ist deshalb so schwer, weil das etwas ist, das nur ganz von uns alleine ausgehen kann. Unter all den Erwartungen, die andere an uns stellen, mit der Existenz einer Rolle, die uns zueigen ist, vergessen wir oft genug, was unsere eigenen Wünsche sind. Aber: Niemand kann für uns wollen oder kann schon aber das funktioniert halt eben echt schlecht. Am Ende sind nur wir es, die spüren, was für uns richtig ist. Dann essen wir eben gerne Käse und zwar um ein Uhr nachts auf dem Balkon ganz für uns alleine während wir die Sterne zählen und es langsam bei uns ankommt, dass wir in unserer Einzigartigkeit und ohne vorgefertigtes Drehbuch, an das wir uns halten müssen, absolut liebenswert sind. Ja, so ganz werde ich wohl nie aufhören, immer alles zu romantisieren. Tut mir sehr nicht leid.